Big Sur und Hinterland

Eine Ausnahme gibt's: Während der zweiten Etappe meiner Kalifornienreise habe ich mich nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegt. Stattdessen hat mich ein 20-jähriger VW-Bus in die entlegensten Ecken der Küstenlandschaft Big Sur und das Hinterland der Santa Lucia Berge gebracht. Zu verdanken habe ich das Isabelle und Mike.

Isabelle ist eine alte Familienfreundin. Vor mehr als 20 Jahren hat sie auf meine Geschwister und mich aufgepasst und Kindergeburtstage mitgefeiert. Damals nicht auszudenken, dass ich Isabelle eines Tages an der US-Westküste in der Nähe von Santa Cruz besuchen würde. Dort lebt die Deutsche seit knapp zehn Jahren mit ihrem US-amerikanischen Mann Mike in einem Haus, das von jungen Mammutbäumen umzingelt ist. Isabelle sagt, dass sie Deutschland kein bisschen vermisse. Und wenn wir uns in unserer Muttersprache unterhalten, dann spricht sie deutsch mit einem leichten amerikanischen Akzent.

Der VW Venegan von Mike und Isabelle

Isabelle und Mike besitzen "Willi" seit 10 Jahren. Der VW-Bus ist benannt nach Isabelles verstorbenem Vater. Das Büsschen hat alles, was man braucht, um ein paar Tage völlig autark zu leben: Einen Kühlschrank, zwei Kochplatten, ein Spülbecken, eine Matratze und Platz für Campingstühle.

Mit "Willi" und reichlich Proviant machten wir uns am Freitag, den 14. November 2014, von Santa Cruz auf zu Big Sur. Ich hatte den beiden erzählt, dass ich gerne zum Küstenstreifen am Pazifik wollte, der gut 100 Kilometer lang ist und allen Reiseführern zu Folge ein absolutes "Must See" ist. Isabelle und Mike erfüllten mir diesen Wunsch mit der Absicht, abends auf einem Campingplatz einzukehren und dort zu übernachten.

Isabelle und Mike im Big Sur

Und so fuhren wir auf der "Pacific Coastway" (oder auch "Highway 1"), die sich entlang der Steilküste von Big Sur schlängelt, von Norden gen Süden. Ab und zu stiegen wir aus, um die wunderschöne Aussicht zu genießen und uns die Füße zu vertreten. Isabelle bestand darauf, dass ich vorne sitze, um noch besser den endlosen und tief-blauen Pazifik sehen zu können. Mike fuhr, Isabelle saß hinten, die Sonne schien, kaum eine Wolke zu sehen. "That's life", so sagen meine irischen Bekannten, wenn der Moment nicht zu übertreffen ist, und auch mir ging dieser Satz über die Lippen.

Pazifikküste im Big Sur

Als es dämmerte, kamen wir nicht umhin, uns eine Bleibe für die Nacht zu suchen. Doch vergeblich. Alle Campingplätze waren völlig ausgebucht. Was tun? Freies Campen als einzig mögliche Alternative? Wir erhielten die Auskunft, dass das erlaubt sei, wenn man eine Meile weit ins Landesinnere fuhr. Und so war "Willi" gefordert, als er die steile 'Nacimentio Fergusson Road' hochfuhr, eine der wenigen Straßen, die das Santa Lucia Gebirge überqueren und damit Big Sur vom Hinterland abtrennen. Auf einer Plattform (die meisten schon belegt!!) fanden wir schließlich Platz. Armer Mike, der als ein wahrer Gentleman anbot, draußen in einem Zelt zu nächtigen, während Isabelle und ich auf der viel bequemeren Matratze im VW-Bus schliefen. Dafür wurde Mike am Morgen mit dieser schönen Aussicht belohnt.

Mike geniesst die Aussicht von der Nacimentio Fergusson 	Road

Zu einer Missionsstätte der Franziskaner im US-Militärsperrgebiet

Am folgenden Tag waren US-amerikanische Geschichte und politische Gegenwart auf einmal sehr nah. Die beiden bogen unverhofft um die Ecke, als wir am Morgen die Abzweigung im Hinterland der Lucia-Berge zur Mission San Antonio de Padua nahmen. Diese hatte der Franziskaner Junípero Serra 1771 gegründet, um die eingesessenen Chumash-Indianer zum christlichen Glauben zu bekehren.

Pater Junípero Serra in der Mission San Antonio

Insgesamt gründeten spanische Siedler in der damaligen Kolonie Spaniens, "Alta Kalifornien", 21 Missionierungsstätten, auf englisch "Missions". Eine Website der Nachfahren der Chumash-Indianer berichtet, wie stark die Population zu Zeiten der europäischen Kolonialiserung vornehmlich aufgrund von europäischen Krankheiten schrumpfte: Demnach gab es 1831 nur noch 2.788 der Chumash. Zu vorspanischen Zeiten hingegen hatten sie eine Stärke von 22.000 (Quelle) . Auf der Website der kalifornischen Missions wird dieser Aspekt der Missionierung nur sehr spärlich behandelt.

US-Soldaten im Fort Liggett, Quelle: flickr, US Fort  Hunter Liggett

(Quelle: flickr, US Fort Hunter Liggett)

Das Hinterland von Big Sur gleicht wegen seiner spärlichen Vegetation einer Wüste. Und doch (oder deshalb) finden sich unmittelbar neben der Mission Antonio de Padua weitere Spuren der menschlichen Zivilisation. Ein Steinwurf daneben liegt die Ausbildunggstätte "Fort Hunter Liggett" des US Militärs (s. Karte unten zum Beleg der geografischen Nähe).



Fort Hunt Liggett wurde 1940 im 2. Weltkrieg gebaut. Seitdem werden dort US-Reservesoldaten für den Kriegseinsatz vorbereitet und Waffen getestet. Das US-Sperrgebiet, auf dem sich Fort Hunter Liggett und auch die Mission Antonio de Padua befinden, ist mit 800 Quadratkilometern das größte Trainingsgelände der US-Armee. Das alles erzählte mir Mike, als wir im Bus von der Mission wegfuhren. Aus der Ferne hatte ich US-Soldaten (sehr ähnlich wie flickr-Foto oben) und Baracken gesehen, die ein irakisches Dorf nachstellten.

Unser Gespräch über die US-Kriegseinsätze im Irak und Afghanistan wurde plötzlich von Isabelle unterbrochen, die eine Horde von Elchen gesehen hatte und uns lautstark darauf hinwies. Wildnis - christliche Missionierung - US-Kriegseinsätze, das alles auf engem Raum. Damit hatte ich im Hinterland von Big Sur nicht gerechnet, das vielmehr bekannt ist für Henry Miller und sein literarisches Schaffen als Aussteiger aus der Zivilisation im nah gelegenen Salinas Valley.

Horde Elche

Und hier zur dritten Station meiner Reise, San Francisco